„Klein Paris“

Albert Diederch

 Die älteren Einwohner unseres Dorfes wissen noch, dass in den zwanziger und dreißiger Jahren das Geld knapp und  die Löhne und Gehälter äußerst niedrig waren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen konnte die Masse des Volkes von einem Urlaub auf Madeira oder den Balearen nur träumen. Man horchte herum wo es zu mäßigen Preisen eine Unterkunft und ein anständiges Essen gab. Und genau im Herzen der Mosel war ein Ort, der diese Bedingungen erfüllte.

Selten störte ein Flieger die Ruhe, Traktoren gab es nur wenige und Autos fuhren an Ostern und Pfingsten auch nicht viele. Jeder Briedeler Wirt war als Eigentümer seiner Gaststätte bestrebt, es den anderen mit einem günstigen Angebot gleich zu tun .Anders als Pächter, die oft auf einen schnellen Gewinn  durch hohe Preise setzen, wollten sie Briedel als einen Fremdenverkehrsort erhalten, der jedes Jahr von  vielen Gästen aufgesucht wurde. Die Briedeler Winzer stellten den Sommerfrischlern ebenfalls Zimmer zur Verfügung; sie selbst schliefen notfalls im Stroh. Der Verkehrsverein errichtete ein schönes Strandbad mit Liegewiesen, Umkleidekabinen, einer großen Rutsche und einer Restauration, und in der „Briedeler Schweiz“ wurden Wanderpfade angelegt.

War das Johlen und Kreischen der fremden Frauen und Mädchen aus den Hecken und Wäldern heraus zu hören, blickten die Briedeler Stenze, die auf der anderen Moselseite in den  Weinbergen arbeiteten, mit glänzenden Augen hinüber und dachten an den Samstag – und Sonntagabend, wenn sie als feine Pinkel herausgeputzt meist in das Hotel „Briedeler Haus“ zum Tanz gehen würden. Briedel besaß insgesamt 5 Tanzsäle:
Hotel Fischer(„Briedeler Haus“), Hotel Göres, Gasthaus Schneiders in der Hauptstrasse,  Gasthaus Rees  („Anker“) und Gasthaus Binninger. In einigen spielte an jedem Wochenende die Musik. Im Gasthaus „Zum musikalischen Wirt“ gab der Inhaber, der das Lokal nach dem zweiten Weltkrieg übernahm, selbst mit dem Klavier den Ton an . Auf drei Kegelbahnen rollte die Kugel. Kegelbahnen hatten das Gasthaus Schneiders am Bahnhof, die Familie Walter in der Sündstrasse und die Familie Butzen im Oberdorf.

So wurde der Name Briedel im Lande bekannt und zog zahlreiche Gäste an, die oft sogar in die Nachbarorte ausquartiert werden mussten. Briedel zog damit den Neid anderer Leute auf sich. Deshalb haftete man Briedel den Ruf eines kleinen Sündenbabels an und nannte es „Klein Paris“.