Lohschälen in Maiermund

 

Liesel Franz

 

Wir hier in Maiermund liegen wie die Siedlungen Briedeler Heck und Hohestein geographisch gesehen auf dem Hunsrück, aber die Gemarkung gehört zu Briedel, und so sind wir eben Briedeler. Ehe das Land hier Anfang der 50 er Jahre urbar gemacht wurde, waren weite Flächen mit Niederwald bewachsen, außer den Ländereien, die zu dem Jahrhundert alten Maiermunder Hof gehörten. Früher wurde er nach dem angrenzenden Wald auch Schachhof genannt.

Der Besitzer, Wilhelm Molz, erzählte mir, wie früher das Lohschälen gehandhabt wurde, und ich möchte es an dieser Stelle weitergeben. Bis 1936 wurde es im Großen betrieben, nach dem Krieg flammte es noch mal ein wenig auf und ist nun fast in Vergessenheit geraten. Viele Briedeler fanden hier einen kleinen Nebenverdienst.

Im Frühjahr wurden die Lohstücke in der Größe eines Morgens abgesteckt. Im Mai, wenn der Saft in der  Rinde stieg, begann man mit der Arbeit. Am Wochenanfang gingen die Männer schon um 4 Uhr in aller Frühe zu den  Hunsrückhöhen hinauf. In einer aus Haselnussruten geflochtenen Kiepe, reiz genannt, trugen sie Proviant für die Ganze Woche mit sich: Kartoffeln, Brot, Speck, Gewürze und Malz – Kaffee. Am Arbeitsplatz bauten sie die sogenannten Schollenhütten. Sie stellten Lohstangen zeltartig zusammen und belegten sie mit Rasenstücken, ein Bündel Stroh diente als Lager, eine Feuerstelle gehörte natürlich auch dazu.
Über zwei Knüppelgabeln, die in die Erde hineingesteckt waren, lag eine Querstange, daran hing der eiserne Topf, in dem das Essen gegart wurde. Sie wussten, wo die Quellen entsprangen, und holten sich  mit dem Kaffeekessel und dem Kochtopf frisches Wasser. Als die meisten Lohhecken um den Maiermunder Hof und den „Großen Stein“ herum zur Ansiedlung weiterer Bauern gerodet wurden, leiteten sich die Arbeiter das Wasser in einem Rohr aus Eichenrinde zum jeweiligen Lagerplatz zu,  auf dem eine mit Teerpappe abgedeckte Reisighütte stand.
Nicht alle Lohschäler schliefen die Woche über in Schollenhütten, die nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend aus dem gebrauch kamen. Ein Teil der Leute übernachtete auch in den
naheliegenden Dörfern. Als die Grenzstreitigkeiten zwischen Briedel und Raversbeuren in alter Zeit überhand nahmen, gingen sie aber nur noch nach Hahn.

 

Zum Lohschälen brauchten Sie ein bestimmtes Beil, Häb genannt; ein Loheisen und eine Axt. Mit der Häb wurden die Äste und die zu dünnen Stangen abgehauen. Dann schlugen sie die Rinde der Eichenstangen möglichst hoch kreisförmig ein; deshalb waren die großen Männer im Vorteil. Mit der Spitze des Loheisens wurde die Eichenrinde eingeritzt und mit dem löffelartigen anderen Ende der Länge nach abgeschält. Zum Trocknen wurde ein halber Meter über der Erde ein Lohbett aus Knüppeln errichtet, dort lagerte die Rinde  bis zum Spätsommer, wurde nun gebündelt und  zu den Lohmühlen abtransportiert. Die Lederindustrie benötigte die bläuliche Säure der Lohe, um Tierhäute zu gerben .
Da die Löhschäler über längere    nur an den Wochenende meist unsauber  und spät zu hause eintrafen, kamen manche Väter den Kleinkindern fremd vor. So fragte einst ein Kind die Nachbarin: „Tant, wat os dat fier en Kerll, kimmt somsdes oamens, heit uus de oasch, schläft bej dä Modda un geit moandes widda fatt?“
 
Die geschälten Stangen wurden fast immer sofort abgeschlagen und als Brennholz am Wege aufgestapelt. Dann wurden sie fortgefahren und das Reisig im Spätsommer    verbrannt. Man achtete  hierbei besonders darauf, dass das Feuer nicht übersprang und die Heckenstrünke nicht verbrannten. Gegebenenfalls wurde zuvor ein Streifen von einem Meter Breite um den Distrikt herum abgeschliffelt. Wurde in der Nähe des Maiermunder Hofes abgebrannt, musste das Strohdach des Wirtschaftsgebäudes nass gehalten werden. Falls es unmittelbar danach reichlich regnete, wuchs der sogenannte Rottschwamm, ein schmackhafter weißer Pilz.

Da die Bauern ihre Lohhecken nicht pflügen oder eggen konnten, mussten sie im Herbst mit dem Karst umgraben und die Roggensaat einscharren. Im nächsten Jahr pflanzte man Kartoffeln, darauf folgte Hafer mit Kleeeinsaat. Nun wurde noch zwei Jahre Heu gemacht, dann zog man nichts mehr zwischen den bereits ausgeschlagenen Büschen auf. Nach 12 Jahren wiederholte sich jeweils im Wechsel das Lohschälen.

In den Hecken suchten sich auch die Niederweiler Korbmacher das Material für ihr Handwerk. Einjährige Haselnusstriebe mussten es sein.
In den verbliebenen Hecken befinden sich noch der „Kleine – Stein“ und der „Große – Stein“, früher gerne aufgesuchte Ausflugsziele. Auf dem „Großen _ Stein“ liegt ein ziemlich dicker Brocken recht lose obenauf. Der Volksmund erzählt, dass er sich rund dreht, wenn in Raversbeuren die Mittagsglocken läuten.