Das "Jahrtausendhochwasser" 1784
(Hermann Thur)

Eine Reihe von Vulkanausbrüchen leiteten eine mehrjährige Klimaänderung ein.

Die Aktivitäten der Erdkruste begannen am 5. Februar 1783 mit einer Serie heftiger Erdstöße in Kalabrien, deren Epizentrum etwa im Bereich der Straße von Messina lag. Besonders betroffen waren die Stadt Messina, sowie Sizilien und Kalabrien. Am folgenden Tag ereignete sich ein Nachbeben und in den darauf folgenden beiden Monaten weitere kleine Erdstöße an der Westküste Italiens. Insgesamt wurden 181 Ortschaften zerstört, wobei über 30.000 Menschen ihr Leben verloren.

Etwa drei Monate später begann in Island eine Serie ungewöhnlich heftiger Vulkanausbrüche, die zu drastischen Änderungen der Lebensumstände auf der Insel führten. Die Ausbrüche begannen im Mai 1783 mit dem Eldeyjar und endeten erst im Februar 1784. Ihren Höhepunkt fanden die Eruptionen am 8. Juni 1783 mit der Öffnung der so genannten Laki-Spalte im Süden der Insel, die in den folgenden Monaten etwa 130 Vulkane freigab. Bei den darauf folgenden Eruptionen handelte es sich um die heftigsten, jemals auf Island verzeichneten Vulkanaktivitäten und weltweit gesehen um die drittgrößte historisch verbürgte Katastrophe dieser Art.

Die Krater spuckten in dieser Zeit ca. 12 Milliarden m³ Lava, Asche, Schwefeldioxyd und verschiedenste Gase aus. In historischen Dokumenten wird von mehreren hundert Meter hohen Lavafontänen berichtet. Zwei riesige Lavaströme wälzten sich in Flussbetten auf das Meer zu, wobei die beiden Flüsse vollständig verdampft wurden. Im Umkreis von ca. 40 km wurden alle menschlichen Behausungen zerstört.

Die Vulkanausbrüche hatten aber nicht nur Folgen für Island selbst, sondern für ganz Europa und noch weit darüber hinaus. Besonders davon betroffen waren England und Frankreich aber auch alle anderen Länder. Man geht davon aus, dass auf den britischen Inseln im August und September 1783 ca. 23.000 Menschen an den Folgen der Vulkanausbrüche starben, insbesondere an Vergiftungen. In England und Frankreich stieg die Sterblichkeitsrate im Winter 1783/84 um ca. 25%. In den angrenzenden Ländern dürften ähnliche Zahlen erreicht worden sein, doch gab es dort noch keine Aufzeichnungen dieser Art.

Durch die gewaltige Energie die bei den Vulkanausbrüchen freigesetzt wurde, gelangten Asche und Staubpartikel bis in die Stratosphäre und konnten sich somit auf dem ganzen Globus verteilen. Diese Staubwolken wurden in den folgenden Monaten überall auf der Welt als eine Art Dunstschleier wahrgenommen, der sich vor die Sonne schob. Astronomen berichteten, dass in etwa 10.000 Fuß Höhe "große Wolken trockenen Nebels" dahin zogen.

Die Staubpartikel führten aber auch noch zu weiteren ungewöhnlichen Phänomenen, die in verschiedenen Ländern beobachtet wurden. Neben dem seltsamen "Höhennebel" kam es zu außerordentlich farbenprächtigen Sonnenuntergängen und Polarlichtern. Viele Künstler der damaligen Zeit hielten diese besonderen Himmelserscheinungen in ihren Werken fest.

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass sich durch die reduzierte Sonneneinstrahlung die Durchschnittstemperatur für mindestens 5 Jahre spürbar verringerte. Es kam in vielen Regionen der Erde zu Missernten und einer erheblichen Verschlechterung des Nahrungsangebotes. Die Folge waren weit verbreitete Hungersnöte und Mangelkrankheiten und in deren Folge dann begannen die ersten großen Auswanderungswellen in Richtung Osten in die ungarischen Lande und nach Westen über den Atlantik in die nordamerikanischen Staaten.

Besonders dramatische Veränderungen zeigten sich im Winter 1783/ 84. Die Kälte betraf ganz Europa, wurde aber auch in Asien und Amerika registriert. Auch der anschließende Sommer war ungewöhnlich kalt und feucht. Untersuchungen an den Jahresringen von Bäumen in Sibirien und Alaska zeigten, dass der Sommer 1784 in diesen Regionen der kälteste innerhalb von 500 Jahren war.

Besonders dramatisch war der Verlauf dieses Winters aber in Deutschland und den angrenzenden Ländern. Er war außergewöhnlich kalt und schneereich und ging als einer der härtesten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte ein. Die Frostperiode begann schon im November 1783 und hielt praktisch den ganzen Winter über an, bis März 1784. Die Temperaturen fielen überall in Europa auf Rekordmarken (siehe Tabelle).

Sämtliche Flüsse Nordeuropas waren wochenlang zugefroren und wurden überall als Verkehrswege benutzt, da die Straßen ohnehin durch den vielen Schnee nicht passierbar waren. Vielerorts wurden auf den zugefrorenen Eisflächen auch Märkte oder Feste abgehalten. Sogar der "Große Belt" an der Ostsee war vollständig zugefroren, sodass man mit dem Pferdeschlitten von Dänemark nach Schweden fahren konnte. Die Kälte regierte auch im ansonsten eher von kalten Wintern verschonten Italien. Hier war z.B. die Lagune von Venedig für mehrere Wochen zugefroren.

Hinzu kam, dass in diesem Winter unglaubliche Mengen Schnee fielen. Mancherorts gab es von Weihnachten 1783 bis Mitte Februar 1784 kaum einen Tag, an dem es nicht schneite. Insgesamt erreichte die Schneedecke in der Eifel-Hunsrückregion eine Stärke von über zwei Metern.

Nach wochenlanger Kälte setzte Ende Februar 1784 das Tauwetter ein. Die Temperaturen stiegen in kurzer Zeit örtlich auf zweistellige Plus-Grade an. Hinzu kam, dass während des Tauwetters heftige Regenfälle einsetzten und so die Lage noch zusätzlich verschärften. Jetzt taute überall der Schnee und bildete Sturzbäche, die sich auf die großen Flüsse zu bewegten. Das Tauwasser floss zum Teil auf den gefrorenen Eisflächen ab, gelangte aber mehr und mehr auch unter das Eis. Der Druck wurde immer größer und schließlich wurde das Eis von unten aufgesprengt.

Das Aufbrechen des Eises war ein sehr gefährlicher Moment, nicht nur weil damit das Hochwasser erst richtig in Fahrt kam, sondern weil die flussabwärts stürzenden riesigen Eisschollen alles mitrissen, was sich ihnen in den Weg stellte. Der Aufenthalt in Ufernähe, auf Brücken oder Schiffen wurde dadurch sehr gefährlich. Die Verwaltungen der Städte waren auf diesen Moment vorbereitet und signalisierten ihren Bürgern und den weiter unten liegenden Ortschaften die drohende Gefahr durch Kanonenschüsse. Wie eine Stafette liefen die Donnerschläge flussabwärts, um vor dem nahenden Unheil zu warnen.

Die Eisaufbrüche erfolgten zeitlich etwas versetzt von Westen nach Osten. Es begann am 23. Februar mit der Schelde in Belgien und Frankreich, zwei Tage später an der Maas, am 26.02. am Rhein und an der Mosel, am 27.02. an Regnitz, Neckar, Lahn und Main, am 28.02. an der Elbe und am 29.02. an der Donau.

Durch die ungeheuren Schmelzwassermengen in Verbindung mit dem zusätzlichen Regen entwickelte sich fast an allen Flüssen eines der größten Hochwässer der letzten 1000 Jahre. Am Rhein bei Köln sowie an Moldau und Mosel blieb es bis heute das höchste jemals gemessene Hochwasser. Die Situation wurde besonders dramatisch, wenn sich Eis und Treibgut vor den Brücken verkeilten und es dann zu einem Rückstau kam, der den Druck auf die Bauwerke noch zusätzlich verstärkte. Unzählige Brücken konnten dieser Belastung nicht standhalten und wurden schwer beschädigt bzw. zerstört.

Neben den Brücken und Wohnhäusern in unmittelbarer Ufernähe, waren auch besonders viele Mühlen von dem Hochwasser betroffen, die naturgemäß alle sehr dicht an der Gefahrenzone standen. Zahllose Öl- und Getreidemühlen wurden weggerissen und die hier eingelagerten Lebensmittelvorräte vernichtet. Dies hatte in den folgenden Monaten eine Verschärfung der Hungersnot zur Folge, weil es kaum noch Mühlen gab, die das ohnehin durch die Wetterlage sehr knappe Getreide mahlen konnten.

"Alle seit dem Mittelalter beobachteten Moselhochwasser wurden von der Katastrophe vom Februar 1784 weit übertroffen. Außer auf Grund seiner Größe bedarf dieses Ereignis auch deshalb einer besonderen Betrachtung, da sein Scheitelwasserstand häufig auf Eisstau zurückgeführt wird. Nach den Aufzeichnungen des Trierer Privatgelehrten Ludwig Müller brach das Eis der Mosel am 23.2.1784 um 19 Uhr, während in Trier der Hochwasserscheitel erst am 28.2.1784 zwischen 12 und 13 Uhr erreicht wurde. Der sich ergebende Zeitabstand von über 4 Tagen spricht eindeutig gegen die Eisstautheorie als Grund für den hohen Wasserstand. Zudem weisen die aus den historischen Hochwassermarken ermittelten Längsschnitte keine nennenswerten Sprünge auf. Sicherlich kam es örtlich in engen Moselkrümmungen zu Eisstau und sturzflutartigen Überschwemmungen, aber der hohe Scheitelwasserstand wurde in erster Linie durch das Abschmelzen extremer Schneemengen in Verbindung mit Starkregen verursacht. Im Vergleich zu normalen Hochwassern war der Wasserspiegel (Pegelstand) zwischen Trier und Cochem um fast einen Meter erhöht, was ein Indiz für außergewöhnlich hohe Zuflüsse aus Eifel und Hunsrück ist." (aus Sartor, Historische Hochwassereignisse der deutschen Mosel)

Quellen:

Bernd Nebel: Die Brückeneinstürze im Jahre 1784
Markus Hölzel: "Das Rheinhochwasser von 1784"
Lorenz Hübner: "Gräuliche Überschwemmungsgeschichte von den Monaten Hornung und März des Jahres 1784"
Joachim Sartor u.a.: Historische Hochwasserereignisse der deutschen Mosel, in: Wasser und Abfall, 10/2010

 

 

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