Der Reichsarbeitsdienst und der Bau
der Siedlung Briedeler Heck

Abteilung 8/244 Ostgotenkönig Swinthila
Gaugruppe 244 Bad Kreuznach - Nahe-Hunsrück
Arbeitsgau XXIV Mittelrhein in Koblenz

Die einsetzende Wirtschaftskrise und die dadurch verursachte hohe Arbeitslosigkeit nach dem I. Weltkrieg machte auch vor den kleinen Orten an der Mosel nicht Halt. So beschloss der Gemeinderat Briedel bereits am 29.11.1918 „Zur Beschäftigung der durch die Demobilisierung zurückgekehrten jungen Männer werden öffentliche Aufträge vergeben" Insbesondere Straßenrenovierungen, Kanalreinigung, Sanierung des Bachbettes etc. Ferner wurden am 1.7.1923 „Zur Beschäftigung der Arbeitslosen der Gemeinde" mehrere Wegebaumaßnahmen beschlossen.

Ähnliche Verhältnisse herrschten nicht nur im ganzen deutschen Reich, sondern auch in den Siegerstaaten. Überall wurde mit verschiedensten privaten oder staatlichen Maßnahmen versucht, gerade den jungen Arbeitsfähigen eine regelmäßige Beschäftigung anzubieten, um sie nicht „verloddern" zu lassen und die Arbeitsmoral für den erwarteten Aufschwung zu erhalten. Während insbesondere die vereinigten Staaten zunächst mit mehr oder minder freiwilligen Civilien Conservation Corps CCC die Situation zu entspannen versuchten, nahmen sich in Deutschland die sozialen Vereinigungen, insbesondere die katholische Kolpingbewegung, der Sache an. Die vielen jungen Männer wurden in freiwillige Arbeitsgruppen zusammengezogen, die überwiegend in der Landwirtschaft zu Rodungs-, Entwässerungs- und Meliorationsmaßnahmen eingesetzt wurden. Die Gruppen in unterschiedlichen Größen bis zu 250 Mann wurden am Einsatzort in Zelten, Baracken oder nahegelegenen Scheunen untergebracht.

Die sich verstärkende Arbeitslosigkeit führte um 1926 zu einer verstärkten Gründungswelle und veranlasste 1931 die Regierung Breuning, einen „freiwilligen Arbeitsdienst" nach einheitlichen staatlichen Regeln einzuführen. Die Sozialverbände blieben auch hier die betreuenden organisatorischen Stellen vor Ort.

Schon um 1932 mischten auch die Nationalsozialisten hier mit und nach der Machtübernahme infiltrierten die Nazis auch bald die gewerkschaftlich und kirchlich orientierten Gruppen junger Männer um sie für ihre Zwecke zu übernehmen und sie den Kirchen zu entfremden. Dazu kamen die Aufstellung vieler weiterer Gruppen unter den Fittichen der NSDAP und die Installation von regionalen Kommandostrukturen.

Mit dem Reichsarbeitsdienstgesetz 26.6.1935 wurde die allgemeine 6-monatige Arbeitsdienstpflicht eingeführt und alle bestehenden Gruppen in die militärisch ausgerichtete Organisation eingegliedert. Die alten Trägerschaften wurden aufgelöst, ja viele kirchennahe Vereinigungen sogar verboten.
In § 1 des Gesetzes ist u.a. niedergeschrieben:
(1) Der Reichsarbeitsdienst ist Ehrendienst am Deutschen Volke.
(3) Der Reichsarbeitsdienst soll die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen.

Der preußische Staat versuchte nach dem I. Weltkrieg massiv, die Landwirtschaft in Deutschland zu stärken um eine Autarkie in der Nahrungsmittelversorgung zu erreichen. Auf den ausgedehnten Niederwäldern (Rotthecken) der Briedeler Heck sollte zu diesem Zwecke eine fast 250 ha große staatliche Domäne als landwirtschaftliches Versuchs- und Mustergut errichtet werden. Nach mehreren Verhandlungsrunden beschloss am 6.8.1926 der Briedeler Gemeinderat mit 6:5 Stimmen, das benötigte Gelände dem preußischen Staat zu verkaufen.
Der Kaufpreis betrug für 226 Hektar 120.000 Reichsmark (ca 5 Pfg./qm). Da man vor der Inflation noch Angst hatte, wurde der Wert der Reichsmark mit 1/2790 kg Gold im Kaufvertrag festgeschrieben. Damit betrug der Gesamtwert 43 kg Gold. Beim heutigen Godpreis von rd. 38.000 €/kg entspräche das einem Gesamtkaufpreis von 1,6 Mio €uro.

Rechtliche Grundlage war die Verordnung zur Vereinfachung der Genossenschaftsbildung und Förderung der Ödlanderschließung aus dem Jahre 1924 in Verbindung mit dem Reichssiedlungsgesetz von 1919. Gemeinden, die nicht freiwillig verkauften, wurden auf dieser Basis später enteignet.

In den Jahren 1928-1930 wurden dann die ersten Flächen gerodet und Wohn- und Wirtschaftsgebäude der Domäne gebaut. Die verstärkten Autarkiebemühungen brachten Planänderungen. So wurden Flächen die für die Domäne vorgesehen waren abgetrennt und die weitere Meliorisation übertrug der Staat der Siedlungsgesellschaft Rheinisches Heim. Diese rodete ab 1934 weiter die Niederwaldflächen zwecks Anlegung von Neubauernsstellen. Zur Durchführung dieser mühsamen Handarbeit wurde eine zunächst noch „freiwillige Arbeitsdienstgruppe", jedoch schon unter NSAP- Leitung auf der Briedeler Heck aufgestellt und stationiert.

In sechs Mannschaftsbaracken, dazu einer Lagerführerbaracke und einer Kantine lebten und arbeiteten fortan 216 Arbeitsmänner. Mit der 1935 erfolgten Einführung des Pflichtdienstes beim nun Reichsarbeitsdienst genannten staatlichen Beschäftigungsprogramm erhielt die 8. Abteilung in der Gaugruppe 244 (Nahe-Hunsrück) des Gau XXIV (Mittelrhein) auch ihren Namen „Ostgotenkönig Swinthila".

Die Arbeit wurde überwiegend im 2-Schicht-Betrieb durchgeführt. Während der Freizeit erfolgte i.d.R. eine weltanschauliche Schulung nach den Vorstellungen der neuen Machthaber und verstärkt eine vormilitärische Ausbildung.

Es war eine mühsame Handarbeit mit Axt und Hacke. Die starken Wurzelstöcke (Strünge) mussten mit einem Flaschenzug an einem Dreibock aus der Erde gehoben werden. Zum Pflügen der gerodeten und vorbereiten Felder wurde dann das Briedeler Unternehmen Stölben mit seinem Raupenschlepper und Kettentraktor eingesetzt. Neben dem Roden wurden gleichzeitig damit begonnen, die Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit ausgedehnten Stallungen für die staatliche Domäne sowie zehn kombinierte Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit Stallungen für die zu errichtenden Neubauernstellen auf „Briedeler Heck" zu errichten.

 

Die Gehöfte

Die Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden mit einfachen Mitteln, aber nach modernen arbeitswirtschaftlichen Gesichtspunkten erbaut. Jeder Siedlungsbau hatte eine Küche mit fließendem Wasser, fünf Wohnräume, eine Waschküche, Kellerräume, ein Wasserklosett, Schweinestall, Kuhstall und Pferdeständer sowie eine Scheune. Über allen Räumen dehnt sich ein Trocken- und Lagerboden aus. Auch in das Stallgebäude wurde fließendes Wasser gelegt, sodass eine Stalltränke eingebaut werden konnte. Im Hof war vor dem Stallgebäude die Miststätte und Jauchegrube.

Auch wurde das bisher weglose Gebiet durch Straßenbauarbeiten zum Ort Briedel und auf der anderen Seite Richtung Hahn zu erschlossen.

Für die Wasserversorgung musste - nach langem Suchen (Exploration?) Mittels Wünschelrutengängern - ein Brunnen gebohrt und die Versorgungsleitungen zu den Höfen verlegt werden. Das Abwasser wurde in die Jauchegruben geführt und zur Düngung der Felder genutzt.

Beim Roden und Pflügen kamen dann mehrere größere keltisch/römische Grabfelder zum Vorschein. In aller Eile wurden die Bodenfunde durch das Rheinische Landesmuseum aus Bonn oberflächlich ausgegraben und gesichert. Leider hatte die archäologische Sicherung von geschichtsträchtigen Funden zu dieser Zeit keine Priorität gegenüber der Vorgabe, die neugerodeten Flächen schnellstmöglich der landwirtschaftlichen Nutzung zuzuführen. Viele Erkenntnisse über unsere Frühgeschichte sind dabei sicherlich zerstört oder für immer verloren. Noch heute kommen nach den Bodenarbeiten im Frühjahr laufend rund 2000-jährige Kleinfunde ans Tageslicht.

Schon im Laufe des Jahres 1936 kamen die ersten Siedlerfamilien und bezogen ihre neuen, erst teilweise fertiggestellten Höfe. Die erste Einsaat erfolgte in einigen Fällen sogar schon zwischen den noch nicht entfernten Baumstümpfen, denn man wollte keine Zeit versäumen und schnellstmöglich Ernten einfahren. Nach den Ernten wurde dann verstärkt die Wurzeln entfernt und viele verbliebene Steine von den neuen Ackerflächen geschafft. Nach dem Abschluss der Arbeiten 1937 wurde die RAD-Gruppe auf der Briedeler Heck nach getaner Arbeit aufgelöst und die Baracken zur weiteren Verwendung abgebaut. Lediglich die Führerbaracke blieb stehen und wurde von der jungen Kommune als Gemeinschaftssraum genutzt. Von 1950 bis 1956 war darin die Volksschule untergebracht.

Nur wenige Kilometer entfernt wurde 1937 die Gruppe 5/246 bei Tellig neu aufgestellt. Unter den alten Führungskräften wurden die Baracken von neu eingezogenen Arbeitsmännern wieder errichtet und mit dem übernommenen Material und den Werkzeugen rodete man, auch unter Leitung der Siedlungsgesellschaft Rheinisches Heim, die hier von der Stadt Zell enteigneten Niederwälder zum Aufbau der Neubauernsiedlung „Althaus"

Die Domäne wurde nur wenige Jahre als Staatsgut betrieben, wobei die ursprünglichen Ziele nicht umgesetzt wurden. Bereits 1938 erfolgte eine komplette Verpachtung an einen Landwirt.
1950 stellte das Land Rheinland Pfalz die Domäne dann der Saatzuchtfirma Krafft als Saatzuchtgelände für Kartoffeln zur Verfügung, da man deren Zuchtgut im Westerwald anderweitig nutzen wollte. Aber schon nach wenigen Jahren musste diese Firma die Kartoffelsaatzucht aufgeben, da eine großflächige Virenverseuchung den Hunsrück heimsuchte.
1970 erfolgte dann die Privatisierung durch ein Verkauf an die Pächterfamilie.

Die Suche nach Ackerflächen für aus dem Osten vertriebene Landwirte fand auf der Briedeler Heck ein Ziel. 1947-1954 wurden auf von der Domäne abgetrennten Flächen sowie von weiteren 60 Hektar von der Gemeinde erworbenem Niederwald drei weitere Siedlerstellen auf „Hohestein" und fünf Höfe auf „Maiermund" errichtet. Diese Arbeiten wurden unter Leitung der weiter existierenden Siedlungsgesellschaft Rheinisches Heim von den zukünftigen hier ansässigen Bauernfamilien und Tagelöhnern aus den umliegenden Orten durchgeführt.

Mehrere geplante Investitionen der Gemeinde Briedel, u.a. der Bau einer Moselbrücke, wurde durch die kommenden Ereignisse verhindert, sodass der gesamte Verkaufserlös später durch die Währungsreform vernichtet wurde.

Autarkiebestrebungen zur Bildung einer selbständigen Gemeinde der Siedlungshöfe in den 1960-ern wurden nicht umgesetzt.

In der erhaltenen Chronik von 1936 des Arbeitsgau XXIV. Mittelrhein ist auch dem Lager Briedeler Heck ein besonderer Abschnitt gewidmet:

"Ungefähr zur gleichen Zeit (1. April 1934) waren zwanzig Arbeitsmänner am Werk, um die Vorarbeiten für das zu errichtende Lager Briedeler Heck zu leisten. In einer Gegend, in der ausgebaute Straßen und Wege unbekannt sind, schufen sie sich zunächst einmal einen Platz, an dem sie ihr Zelt aufbauen konnten, dann einen Platz, wo sie sich eine recht primitive Küche errichteten. Schwierig war die Wassersuche, die erst nach verschiedenen Wünschelrutengängen zum Erfolg führte. Dann konnte mit dem Lageraufbau begonnen werden. Am 1. August 1935 wurde die Abteilung voll belegt. Bei der Arbeit »auf der Heck« handelt es sich um ein großes Rodungsprogramm, das mit aller Energie durchgeführt wird. Auch die Belegschaft der im August innerhalb 14 Tagen entstandenen Abteilung Kirchberg ist dort oben eingesetzt worden. Ungerodetes Heckengelände, halb gerodete Flächen, auf den Pflug wartender Boden, gepflügte Scholle und eingesätes Land sind Zeugen einer flotten Arbeit, die täglich in zwei Schichten von rund 250 Mann in 1 500 Arbeitsdienststunden bewältigt wird. Nicht mehr lange wird es dauern, bis die von der Rheinischen Siedlungsgesellschaft dort oben angesetzten Siedler über das neugewonnene Land schreiten.«

Quellen:
Chronik Arbeitsgau XXIV Mittelrhein, Koblenz-Karthause 1936
Knebel Hajo, Die Geschichte des RAD, KJB Cochem-Zell 1987
Wikipedia.de
Patel, Kiran Klaus: Soldaten der Arbeit. Arbeitsdienste in Deutschland und den USA 1933-1945., Göttingen 2003.
50 Jahre Siedlung Briedeler Heck, Festschrift 1986   (siehe auch hier:) (siehe auch hier:)
Sehnem, Siedlung Althaus
Chronik Vierherrenborn

rad-lager

 

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