Das Reiler Kreuz in Briedel

Reiler Kreuz

Dieses "Pestkreuz" wurde 1643, in den letzten Jahren des 30jährigen Krieges aufgestellt. Zur Zeit der  Errichtung saßen die Schweden auf der Marienburg und die Kirchenbücher berichten von verheerenden Pestepidemien, die das Dorf heimsuchten und viele Bewohner hinwegrafften. So notierte 1636 der  Pastor über diese Plage: "die Pest raffte in diesen Jahre ein Drittel der Bevölkerung dahin".  Die auf dem Wegkreuz genannten neun  Briedeler Männer werden dieses Kreuz errichtet haben zum Dank und zur Erinnerung an jene Zeit, in der die Pest so grausam gewütet hat.

 "mit der inständigen Bitte an den gütigen Gott, daß er dem Würgeengel Einhalt gebiete, der die Gefäße des Zornes auf die Menschheit herabgoß".

Initiator war der Winzer Jakob Güllen, unterstützt vom  damaligen Pastor, dem Himmeroder Pater Jacob Colin Maringis.

Das Wegkreuz kündet noch heute recht eindringlich von dem Glauben unserer Vorfahren und ihrem Gottvertrauen und auch von ihrer Not und ihrem Sterben. Es ist auch ein religiöses Mahnmal und ein steinernes Dokument unserer Dorfgeschichte.

Das Kreuz stand ursprünglich etwa 200 Meter von hier am Weg nach dem damaligen Wallfahrtsort "Reilkirch", woher sicherlich auch sein Name "Reiler Kreuz", der so bereits 1689 urkundlich erwähnt wurde, herrührt.

Soldaten aus dem 1. Weltkrieg restaurierten das stark verwitterte Sandsteinkreuz als Dank für ihre glückliche Heimkehr. 1972 wurde es, angeregt durch Albert Stölben, wiederum aufgefrischt  und in der Wegegabelung am Sportplatz aufgestellt. Der schattige Standort unter den Bäumen war aber für den Sandstein nicht geeignet. So wurde es nun nach der wiederum mit Spenden finanzierten Restaurierung hier am kleinen Kreisel aufgestellt und ihm ein Schutzdach gestiftet.

Die Kosten der Restaurierung übernahmen die Aufbaugemeinschaft Briedel und der Geschichts- und Kulturverein Briedel, das Wetterdach stiftete die Zimmerei Schmitz und die Fundamentarbeiten erledigten die Gemeindearbeiter. Der Nachbarschaftskreis will sich um den Blumenschmuck kümmern.

Allen Beteiligten sei hiermit herzlichst gedankt.

 

 

 

Das Reilerkreuz

ältestes Wegkreuz im Zeller Hamm
von Josef Scholl, 1961

 

Oberhalb dem Weinort Briedel, an der Straße nach Pünderich zu, steht auf der linken Wegseite bei Kilometerstein 3,7 etwas erhäht am Wiesenrand und von einem Obstbaum überragt, ein altes Wegkreuz aus rotem Sandstein.
(Im Zuge der Flurbereinigung wurde das Wegkreuz in die Wegegabel Gartenstaße - Im Weingarten am Sportplatz versetzt und renoviert. )
Auf dem Fuß des Abschlußkreuzes steht die Jahreszahl 1643. Die Errichtung liegt also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Das Kreuz ragt 2,03 m aus dem Erdreich heraus und gehört seinem Stil und Alter nach in die Zeit des Frühbarock. Der Kreuzbalken ist 40 cm breit. Das Kreuz ist mit einem Corpus geschmückt, der ebenso wie der weiter unten angeführte Engelskopf aus dem Gestein herausgearbeitet ist. Das Gesicht des Corpus ist scheinbar gewaltsam abgeschlagen worden, da keine Anzeichen einer Verwitterung an dieser Stelle festzustellen sind. Von dem Gesicht läßt sich noch die Bartspitze erkennen. Die Beine des Gekreuzigten sind übereinandergelegt, indem der rechte Fuß über dem linken liegt. Das Ganze stellt ein Schaftkreuz dar mit sehr breitem Kapitell, das angefüllt ist mit einem Engelskopf mit gespreizten Flügeln. Darunter stehen die Buchstaben
F IABOB ..... PASTOR. Inmittel dieser Worte fehlen eine Reihe Buchstaben, die sicherlich ebenfalls gewaltsam abgeschlagen wurden. Die verstümmelte Wortreihe lautet ergänzt: F.IACOBVS.COLINVS.MARINGIS.PASTOR. Hierüber soll später noch die Rede sein. Die beiden oberen Kanten des Kapitells sind als Podest gearbeitet und waren früher geschmückt mit den beiden Figuren der Gottesmutter Maria und des Apostels Johannes. An Ihrer Stelle ragen heute anklagend die beiden aus dem Stein herausragenden Dübel hervor und geben uns Kunde, was Frevlerhände einst mutwillig zerstörten oder relegiöse Gleichgültigkeit zuließen. Der Schaft mißt über der Erde 93 cm. Er ist 22 cm breit und vierkantig. Auf der Vorderseite ist er mit einer 25 cm langen Eisenklammer mit dem Kapitell verbunden. Ebenso befindet sich auf der Rückseite des Schaftes bis zum Kreuzbalken eine 60 cm lange Eisenklammer, die die drei Teilstücke des Gesamtkreuzes, also das eigentliche Kreuz, dann das Mittelstück und den Schaft, zusammenhält. Wahrscheinlich ist diese Eisenklammer erst bei einer Renovierung hinzugekommen. Der Schaft ist auf der Vorderseite auf seiner ganzen Länge mit Schriftwerk versehen und außerdem noch durch zwei Hausmarken bereichert.

Der Text lautet wie folgt:

IOHAN : DECK
ER : FRÖMISSE
MATT : LEHMEN
PETER : THELLEN
IOES : HOENEN
I : A : .. : S : N : + T
HVG : DEDRICH
IOES : MEIS
P G
---------------
IACOBVS
GVLLEN
PROMOTOR

Das Kreuz ist, soweit es seine Beschriftung betrifft, noch gut erhalten. Es ist bereit 318 Jahre alt (in 1961 bei der Beschreibung) und erfolgte seine Errichtung 5 Jahre vor Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Der Volksmund weiß über die Errichtung des "Reilerkreuzes" und die auf ihm bezeichneten Personen nichts zu berichten. Selbst seine Namensdeutung ist unbekannt. Und dabei ist die Lösung dieses Rätsels nicht besonders schwer. Es sei vermerkt, daß oberhalb Briedel ein Feldweg (Braacherweg) nach links abzweigt, der bergwärts über die Höhe die kürzeste Wegverbindung zwischen Briedel und dem Ort Reil darstellt. Dieser Weg führte im vergangenen Jahrhundert, wie ich aus einem alten Katasterplan entnehmen konnte, unmittelbar links an dem Reilerkreuz vorbei. Von diesem nach Reil führenden Weg hat dss Wegkreuz seinen Namen bekommen. (ergänzend sei bemerkt, daß Reilkirch im Mittelalter in beliebter Wallfahrtsort war und die Briedeler jährlich in einer Prozession dorthinzogen.)

Nun zu seiner Beschriftung. Das eingehende Studium des ältesten Bandes der Briedeler Kirchenbücher, die erfreulicherweise mit dem Jahre 1594 beginnen, ließ alle auf dem Wegkreuz genannten Personen irgendwie in Erscheinung treten. Sie mögen daher in der Reihenfolge wie sie auf dem Kreuz stehen, zu uns sprechen.

Frater Jacobus Colinus Maringis, Pastor
Über den Taufeintragungen des Jahres 1639 in dem Briedeler Taufregister steht eingetragen: "Im Jahre 1639 sind durch mich, Bruder Jacoubs Colinus Maringis, Pastor in Briedel, getauft worden....." Er macht dann Eintragungen bis Ende 1643. Ab 1644 folgt ihm ein Mitbruder aus dem Kloster Himmerod. Die Zisterzienserabtei Himmerod im Salmtal übte seit 1264 über die Pfarrei Briedel bis zur Säkularisation das Patronatsrecht aus. Die Eintragung im Kirchenbuch gibt uns somit sichere Kunde über seinen vollen Namen, der auf dem Kreuz leider nicht mehr ganz ersichtlich ist. Außerdem ist uns durch diese Eintragung seine Namensunterschrift erhalten, die in einer klaren und deutlichen Schrift gehalten ist. Dem Namen nach scheint er italienischer Herkunft gewesen zu sein.

Johann Decker, Frühmesser
Als zweiter Name ist ebenfalls ein Geistlicher verzeichnet, der am 9. Juni 1601 in Briedel geboren wurde. In seinem Sterbeakt heißt es wärtlich: "Am 4. April 1654 an der Ostervigil (Karsamstag) ist um 5 Uhr früh, nach Empfang der Sterbesakramente im Herrn verstorben der hochwürdige Herr Johann Decker, Frühmesser." Der Frühmesser war Inhaber eines besonderen kirchlichen Beneficiums. Um allen Pfarrangehörigen Gelegenheit zur Erfüllung ihrer Sonntagspflicht zu geben, bestand bereits zu damaliger Zeit das Bedürfnis neben dem Hochamt eine Frühmesse einzulegen. So entstanden allgemein eigene Stiftungen, welche bei hinlänglicher Dotation zum Titel eines Beneficiums erhoben und durch einen hierfür besonders investierten Prister (daher Frühmesser genannt) verwaltet wurden.

Matthäus Lehmen
Dieser wird mehrmals in den Briedeler Kirchenbüchern als Taufpate genannt, so u.a. am 7. Juli 1598 und bei dem am 16. Februar 1626 geborenen Johann Meihs von Briedel. In der erstgenannten Taufeintragung steht weiter von ihm vermerkt, daß er "curtaris s.Matthias in Kemmt" war. Demnach bekleidete er im benachbarten Dorf Kaimt das Amt eines Hofverwalters der Abtei St. Matthias von Trier und scheint auch in Kaimt geboren zu sein. Der Name Lehmen gehört heute noch mit zu den angesehensten Familien von Zell-Kaimt.

Peter Thellen
Sein Stebeakt lautet: "Am 26. August 1678 starb der ehrenwerte Peter Thele(n), am hießigen Ort Synodale wie auch Schöffe und am 28. begraben." Der Titel Synodale entspricht dem heutigen Kirchenvorstandsmitglied. Der Verstorbene dürfte identisch sein mit dem am 9. Dezember 1596 in Briedel geborenen Peter Tellen.

Johann Hoenen
Nach dem im Kirchenbuch verzeichneten Sterbeakt erlitt Johann Hoenen am 22. Juni 1656 in der Oktav von Fronleichnam auf dem Friedhof einen Schlaganfall und ist nach dem Empfang der letzten Ölung alsbald verstorben. Sein Geburtsjahr liegt vermutlich vor dem Jahre 1594.

Johann Adam Senheim
Die Buchstaben I A S bedeuten Johann Adam Senheim. Zwischen diesen ist seine Hausmarke angebracht, die es erst ermöglichte es seinen Namen ausfindig zu machen. Eine fast gleiche Hausmarke ist zu sehen an einem früheren kurtrierischen Burghaus, dem Haus Caspary (Moselfront) in Zell und am Kurfürstlich Trierischen Schloß in Zell. Es handelt sich um die Hausmarke der Familie Senheim von Briedel mit der auch der kurtrierische Amtskellner von Zell, Johann von Senheim, versippt war wie die Hausmarke sinnfällig zum Ausdruck bringt. Unklar bleibt nur die Bedutung der beiden Buchstaben N + T auf dem Wegkreuz. Die Sterbeurkunde des Johann Adam Senheim besagt, daß der sehr ehrenwerte Briedeler Bürger Johann Adam Senheim, Schöffe und Bürgermeister mit allen Sterbesakramenten versehen am 18. März 1671 gestorben ist.

Hugo Dedrich
Von ihm wissen die Kirchenbücher zu berichten, daß Hugo Deiterich am 15. März 1672 verstorben ist, und er die Würde eines Synodalen und Schöffen bekleidet hatte.

Johann Meis
Von ihm ist bekannt, daß er am 6. Juli 1669, versehen mit allen Sterbesakramenten, verschieden ist.

P (Hausmarke) G
Zwischen den beiden Buchstaben P und G steht eine Hausmarke. Dieser Name ist trotz seiner beigegebenen Hausmarke nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Es darf angenommen werden, daß der Namensträger ein Peter Gullen war und mit dem nächsten Namensträger verwandt war.
Neue Forschungen von Albert Stölben identifizierten unter diesem Zeichen den Peter Gibbert.
Er wanderte 1635 aus Dorf bei Wittlich zu und arbeitete hier als Schmied. Er heiratete 1639 die Anna Bongarts, die Witwe des Gerichtsschöffen Peter Stülpen. Nach deren frühen Tod vermählte er sich am 21.6.1643 mit Agnes Thelen, einer Enkelin des kurkölner Amtmannes von Zeltingen. Er starb am 18.2.1679 in Briedel und wurde zum Stammvater aller Gibbert (Gippert) im Raum Briedel/Zell.

Jakob Gullen
Die Kirchenbucheintragung sagt aus, daß Herr Jakob Gullen am 12. April 1670 mit allen kirchlichen Sterbesakramenten versehen, gestorben ist. Er scheint sehr klug gewesen zu sein und der Gemeinde besondere Dienste erwiesen zu haben, wie eine besondere Bemerkung im Sterbeakt besagt. Zum Schluß folgt der Zusatz: "Er möge ruhen in Frieden." - Eine weitere interessante Eintragung im Sterbebuch besagt, daß Anfang März des Jahres 1689 Johann Adam Gullen von Briedel im Türkenkrieg gefallen ist. Es handelt sich hierbei vermutlich um ein Enkelkind des Jakob Gullen.
Unter dem Namen Jakob Gullen steht auf dem Wegkreuz das Wort Promotor. Es bezieht sich unzweifelhaft auf die Person des Vorgenannten. Das Wort bedeutet soviel wie Initiator. Er war somit die Hauptperson, der an der Kreuzaufrichtung beteiligten Personen - der erstgenannte Pastor Maringis aber der Vornehmste unter den Genannten.

Bei allen Personen die auf diesem Wegkreuz verzeichnet sind, handelt es sich um hervorragende Männder der Pfarrei Briedel. Es drängt sich nunmeher die Frage auf, welches wohl der Grund sein möge, weshalb man dieses Wegkreuz errichtet hat. Blättern. Vor mir liegt das älteste Kirchenbuch von Briedel. Vergilbt sind seine Blätter und Modergeruch dringt mir entgegen. Nur wenige Blätter brauch in zurückzuschlagen, die dem Jahr der Kreuzerrichtung vorangehen, dann stoße ich auf den ursächlichen Grund.

Man schrieb das Jahr 1635. Das Erzstift Trier litt schwer unter der bedrückenden Last des Dreißigjährigen Krieges. Es war ein schecklicher Krieg, ein Religionskrieg. Mit Mord und Brand sollte dem Volke der rechte Glaube beigebracht werden. Franzosen, Deutsche, Spanier und Schweden, kamen angeblich als Befreier von irgend einem Joch. Jawohl - man befreite die fleißigen Bauern und Winzer von allem was sie besaßen und brachten ihnen dafür namenloses Leid. Plünderung und Brandschatzung, Hungersnot und Pest mit allen ihren Begleiterscheinungen und Folgen waren die Drangsale der wehrlosen Bevölkerung in jeder Zeit. Im Jahre 1635 hob das große Sterben an. Im Sterbebuch hat der damalige Pfarrer von Briedel vermerkt: " In diesem Jahr wütete die Pest". Im folgenden Jahr 1636 schreibt er die Worte nieder: "In diesem Jahr wütete grausam die Pest". Das Jahr 1637 trägt den Vermerk: " In diesem Jahr war das Getreide teuer, 1 Malter Korn = 10 Florin oder 16 Königsthaler". Der oder das Malter war ein altdeutsches Getreidemaß von 100 - 150 Liter Inhalt. Schnitter Tod hielt gar reiche Ernte. Eine lange Reihe von Namen sind hier niedergeschrieben. Alle wurden ein Opfer der Pest. Im Jahre der Errichtung des "Reilerkreuzes" von Briedel saßen die Schweden auf der Marienburg. Das besagt wohl allein schon genug. So dürfen wir denn wohl annehmen, daß die auf dem Wegkreuz genannten Männer dieses Kreuz errichtet haben zur Erinnerung an jene Zeit, in der die Pest so grausam gewütet hat und mit der inständigen Bitte an den gütigen Gott, daß er dem Würgeengel Einhalt gebiete, der die Gefäße des Zornes auf die Menschheit herabgoß. So kündet auch dieses barocke Wegkreuz heute noch recht eindringlich von dem Glauben unserer Vorfahren und ihrem Gottvertrauen auch von ihrer Not und ihrem Sterben. Es ist auch ein religiöses Mahnmal und ein steinernes Dokument einer Dorfgeschichte, dem wir wie allen anderen Wegkreuzen stets in Ehrfurcht begegnen wollen.

Leider sind die beiden zu der Kreuzigungsgruppe grhörenden Figuren, der Gottesmutter Maria und des Apostels Johannes, nicht mehr vorhanden. Im Interesse der Erhaltung dieses für die Heimatgeschichte so interessanten "Reilerkreuzes" wäre es zu begrüßen, wenn dasselbe bald wieder restauriert würde und die fehlenden Beifiguren ergänzt würden.

Josef Scholl

reiler kreuz