(Zucht-) Stierhaltung
und sonstige gemeinschaftliche Viehhaltung

Seit alters hier gehört die Stierhaltung in Briedel zu einer Aufgabe der Gemeinde und war eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage der Winzer, mehr noch der ackerbautreibenden Familien. Aus den Briedeler Kirchenbüchern erkennen wir, dass schon 1650 ein gemeindlicher Kuhhirte angestellt war, zu dessen Pflichten sicherlich auch die Stierbetreuung gehörte. Zeitweise war die gemeinschaftliche Stierhaltung dergestalt geregelt, dass die Stiere reihum bei den einzelnen Kuhhaltern eingestellt waren.

Nach den Wirren des 30-jährigen Krieges war der Viehbestand in unserer von vielen Kämpfen, Requierierungen und Seuchen heimgesuchten Region massiv zurückgegangen. Pferde gab es so gut wie keine mehr. Zum Transport wurden daher die Milchkühe herangezogen, da diese entgegen den Ochsen eine weitere Nahrungsquelle, die Milch, lieferten. Um diese Milchquelle zu erhalten, war es erforderlich, dass die Kühe regelmäßig kalbten und dazu waren nun mal Zuchtstiere erforderlich. Während der Bestand an Ziegen und Schafen relativ schnell aufgefüllt war, dauerte die Aufzucht von spanndienstfähigen Michkühen länger.

Ein intakter Viehbestand war allen nützlich, sodasss es mit der Obrigkeit bzw. den Behörden und den Viehhaltern hier übereinstimmende Interessen gab. Schon seit Ende des 17. Jahrhunderts sind uns verschiedene Verordnungen und Bestimmungen zu diesem Thema überliefert. Auch die Gemeinderatsprotokolle von Briedel zeugen von dieser Wichtigkeit, kaum eine Sitzung, in der nicht das Thema Gemeindestier behandelt wurde. Auch die französische Verwaltung seit 1794 hat uns mehrere gesetzliche Regelungen zur Stierhaltung gebracht, die von den Preußen gerne übernommen und noch verfeinert wurden. So wurde die Stierhaltung 1882 per Gesetz zur Gemeindesache erklärt und die Kommunen gezwungen, entsprechende Stierställe etc. einzurichten.

Die Gemeinde Briedel hatte die Stierhaltung anfangs verpachtet, d.h. interessierte Landwirte konnten die Haltung und Versorgung des Gemeindestieres für eine bestimmte Zeit übernehmen.

1870 lesen wir in den Gemeinderatsaufzeichnungen, dass der neue Stier bei seinem ersten Einsatz verletzt wurde und nicht mehr zu gebrauchen ist. Somit musste ein neuer Stier auf einem Hunsrücker Viehmarkt gekauft werden. Um u.a. Eine Inzucht zu vermeiden, wurden Stiere generell nach 1-2 Jahren durch neue Tiere ausgetauscht. Manchmal tauschte man sie mit einem Nachbarort aus oder eine Abordnung des Gemeinderates suchte dann eine Viehversteigerung auf dem Hunsrück auf.

Die Haltung von Stieren ist sicherlich nicht ganz so einfach und ungefährlich, weshalb reine Zugtiere auch kastriert wurden = Ochsen, diese waren als Arbeitstiere vor dem Wagen oder Pflug einfacher einzusetzen und besser zu führen.
1875 beschloss der Gemeinderat beispielsweise, für die beiden Zuchtstiere Nasenringe anzuschaffen, damit diese besser zu bändigen sind.

1878 wurde dann von der Gemeinde ein eigener Stierstall am Kirchweg gebaut.
Zur Betreuung der Stiere wurde ein gemeindlicher Stierhalter eingestellt. Dieses Amt wurde über viele Jahre hinweg regelmäßig öffentlich versteigert. D.h. der Mindestfordernde wurde mit der Stierbetreuung beauftragt. Das erforderliche Stroh musste von den Milchkuhbesitzern als Ergänzung zum Decklohn bereitgestellt werden. Eine große Wiesenfläche an der Grenze zu Pünderich stand dem Stierhalter zur Heugewinnung zur Verfügung, die Lage wird heute noch im Volksmund „Stierwies" genannt.

Über die Verwertung des Mistes (Dungs) gab es offensichtlich desöfteren Unstimmigkeiten. Mehrmals wurde dieser von der Gemeinde öffentlich versteigert, meistens jedoch hatte der Stierhalter darauf Anspruch. Auch Vermerke über die fristlose Entlassung des Stierhalters, weil der die Tiere nicht ordnungsgemäß pflegte, sind uns überliefert. An anderen Stellen werden Beschwerden der Kuhhalter über den Stierhalter vom Gemeinderat zurückgewiesen.

1908 wurde der Stierstall erweitert. Die darüber liegende Wohnung war zunächst als Dienstwohnung des Steierhalters gedacht, wurde aber meist anderweitig vermietet. 1936 wurde der Stierstall nochmals ausgebaut, damit Platz für Haltung und den Einsatz von drei Gemeindestieren gegeben war.

Mindestens alle zwei Jahre wurde ein neuer Bulle angeschafft. Manchmal wurden dazu auch jüngere gesunde Tiere mit Nachbargemeinden ausgetauscht. Damit wurde eine Blutsverwandtsschaft (Inzucht) vermieden.

Beispielsweise nennt uns die Viehzählung von 1906 den Bestand von 362 Rindern, 346 Schweinen und 13 Pferden.

Die Vatertierhaltung wurde vom Kreisveterinäramt überwacht und die Gemeinde hatte über eine Pflichtmitgliedschaft im Bullenzuchtverein fachlichen Beistand und besseren Zugang zu den Versteigerungen.

Eine oder zwei Milchkühe waren früher eine hohe Investition, die sich viele ärmere Familien nicht leisten konnten. Hier bildete sich ein Leihwesen für Kühe heraus. Die Leihgeber - oft professionelle Viehhändler - stellten den Familien eine oft magere Kuh in den Stall. Im Laufe der Leihphase wurden die Kühe dann meist gut gefüttert und gepflegt, denn nur dann konnten diese die Anforderungen als Zugtier und Milchlieferant erfüllen. Ein während der Leihphase geborenes Kalb gehörte dem Leihgeber, der die nach dem Kalben oft gutgenährte und milchgebende Kuh wieder gegen eine Magere austauschte.

1920 stellt die Gemeinde dem neugegründeten Turnverein einen Teil der Stierwiese als Übungsgelände zur Verfügung. Dies führt zum Protest des Stierhalters, da er das dortige Heu dringend benötigt. In einigen Jahren gab es auch Futtermangel. Dann mussten die Viehbesitzer z.B. Zusätzlich 50 Pfund Hafer pro Rindvieh abliefern.

Nach dem Krieg erwerben die Winzer und Landwirte vermehrt Traktoren. Dadurch wird der Bedarf an Kühen als Zugtiere geringer und die Stiere werden nicht mehr so gefordert. 1962 dann wird der letzte Gemeindestier abgeschafft.

Der Reduzierung der Milchkühe im Ort Briedel stand nach dem Krieg eine Zunahme auf den Siedlungshöfen der Briedeler Heck entgegen. Die Entfernung zum Gemeinde-Stier in Briedel war wegen der Entfernung nicht möglich. Nach einer Intervention des Kreisveterinäramtes erwarben die 10 Milchviehhalter mit Unterstützung des Bullenzuchtvereins einen eigenen Stier. Dieser wurde der Familie Landwehr, später der Familie Metzen zur Betreuung und Pflege in deren Stall übergeben. Die Kosten für Futter u.a. wurden gemeinsam aufgebracht.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich die künstliche Besamung der Kühe durch den Tierarzt schnell durch. Diese Methode war sauberer, schneller und wesentlich einfacher, auch in der Terminierung. Die aufwändige und unfallträchtige Stierhaltung verlor dadurch schnell ihre Bedeutung.

Nicht nur die Stierhaltung beschäftige den Gemeinerat. Auch die Weiderechte im Wald bedurften laufend verschiedener Entscheidungen. Dies insbesondere, weil im Bereich der Briedeler Heck mit den Nachbargemeinden Hahn und Raversbeuren jahrhundertelange Streitigkeiten über die Nutzungen im Briedeler Wald bestanden.

Die neugegründete „Gesellschaft landwirtschaftliches Casino" erhielt 1873 das Weiderecht für Schweine im ganzen Briedeler Wald.
Für 1914 nennt uns die Chronik das Bestehen von zwei Schweinemärkten in Briedel. Später werden die Ferkel, die die Winzer zum Mästen ihrer 1-2 Hausschweine benötigten, von einem durchfahrenden Viehhändler verkauft.

1917, mitten im ersten Weltkrieg, schafft die Gemeinde eine Schafherde an um die Ernährungslage der Bevölkerung zu sichern. 1918 gründet sich der Schafzuchtverein, der die Gemeindeherde übernimmt. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die Schafherde privat.

Viele Familien, die sich keine Kuh leisten konnten, hatten aber zumindest eine Ziege, um frische Milch für die Kinder im Haushalt zu haben. 1907 gibt die Gemeinde dazu verschiedene Waldbezirke als Ziegenweide zur Förderung der Ziegenzucht frei. 1923 schafft die Gemeinde dann einen Ziegenbock an, um eine Besamung der mittlerweile vielen Ziegen zu gewährleisten. Zur Haltung wird der Ziegenzuchtverein gegründet. 1955 wird die Ziegenbockhaltung vom Landkreis Zell als dessen Aufgabe übernommen.

1928 wird die Hühnerfarm als staatlicher Musterhof für Hühnerzucht errichtet, der jedoch bald privat veräußert wird.

 

 

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